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Moritat auf eine tote Katze
von Isaac Schreyer (1936)

Den Leib starr hingestreckt.
Den Kopf emporgereckt;
So bist du, armes Tier, verreckt
In den reichen Straßen von New York.

Du lagst in einer Tüte
Geknickt wie eine Blüte.
Wo war der Menschen Güte
In den reichen Straßen von New York?

Du hattest keinen Namen,
Dich kosten nicht die Damen,
Du fielest aus dem Rahmen
Der reichen Straßen von New York.

Denn du warst nicht von Rasse.
Warst eine aus der Masse,
Verfolgt vom Kinderhasse
In den reichen Straßen von New York.

Auch war dein Fell nicht seidig,
Es ward vom Hunger räudig.
Dein Schritt war nicht geschmeidig
In den reichen Straßen von New York.

Ich sah dich oftmals schleichen
Zum Abfallkorb der Reichen,
Wer kann ihr Herz erweichen
In den reichen Straßen von New York.

Und fandst du was nach Stunden,
Wie sollte es dir munden?!
Sie hetzten dich mit Hunden
In den reichen Straßen von New York.

Dir war ein Los beschieden,
Wie jedem Tramp hienieden.
Auch dich hat’s nicht gemieden
In den reichen Straßen von New York.

Du starbst wie ihrer einer
Im Leben mocht’ dich keiner.
Dann musste dich doch einer
Auflesen aus dem Kehricht von New York.

Über den Autor:

Isaac Schreyer (1890, Wyschnyzja – 1948, New York)

Isaac Schreyer war ein Lyriker und Übersetzer aus dem Jiddischen und Hebräischen. Geboren 1890 in Wyschnyzja (der heutigen Ukraine), verbrachte Schreyer die meiste Zeit seines Lebens in Wien. 1939 floh er vor den Nationalsozialisten zunächst nach Großbritannien, dann in die USA. Seine Gedichte veröffentlichte Schreyer in verschiedenen Literaturzeitschriften. 1948 verstarb er im New Yorker Exil.