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Nussaufschläger
von Adolf Unger (ca. 1930)

Nun bin ich ausgesteuert und treib steuerlos
im Strom des Alltags müd und träge auf dem Grund.
Das Elend hält sich fest, verkrampft an meinen Schoß,
und ich schlag Nüsse auf und mir die Finger wund.

Nur Krumpen splittre ich vom Leben und vom Glück,
mir ist die Haselnuss des Tages dumpfes Wort.
Zehn Kilogramm sind doch dreitausend Stück
und jede Nuss ein Hieb. Ich hämmre fort.

Der Hammer heult grell auf: … du darfst nicht ruhn!
Das Hämmern ist des Seins getreuer heller Ton.
Du musst jetzt glücklich sein, du hast ja noch zu tun,
dir trägt das Kilo doch noch dreißig Groschen Lohn.

Ich hämmre fort. Zertrümmre Kind und Weib
und schlage Nüsse auf und unsre Seel entzwei.
Ich balle meine Faust, zermalme Zorn und Zeit;
die Not, sie ist bei uns, und wir sind vogelfrei.

Nun bin ich ausgesteuert und treib steuerlos
im Strom des Alltags müd und träge auf dem Grund.
Das Elend hält sich fest, verkrampft an meinen Schoß,
und ich schlag Nüsse auf und mir die Finger wund.

Über den Autor:

Adolf Unger (1904, Wien – 1942, KZ Auschwitz)

Österreichischer Arbeiterdichter, 1904 in Wien geboren, jüdische Familie, nach nur vier Jahren Schulunterricht Ausbildung zum Schuster, später mehrere Jahre auf Wanderschaft, unter anderem in Italien. 1929 zurück in Wien, erste literarische Arbeiten. Themenschwerpunkte: der Arbeiter, der Ausgebeutete. Lesungen in der Wiener Urania, 1933 Auszeichnung mit dem Julius-Reich-Preis. 1938 Flucht aus Österreich nach Belgien, 1940 von dort nach Frankreich abgeschoben. 1942 Deportation von Adolf Unger und seiner Frau Sobel in das KZ Auschwitz, wo sie unmittelbar nach ihrer Ankunft in der Gaskammer ermordet wurden.

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