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Lied der Hunde
von Sándor Petőfi (1847)

Vom Wolkengrau bedeckt,
Pfeift der Orkan voll Wut,
Und Regen fällt und Schnee,
Des Winters Zwillingsbrut.

Was kümmerts uns! Es liegt
Ganz wohl sich’s unterm Herd,
Wo unser gnäd’ger Herr
Ein Eckchen uns gewährt.

Um’s Futter bangt uns nicht,
Nicht völlig wird verzehrt
Das Mahl, und was da bleibt,
Uns Hunden zugehört.

Zuweilen, das ist wahr,
Die Hundepeitsche knallt,
Und das tut weh – ei nun,
Hundsknochen heilen bald.

Des Herren Zorn verraucht,
Er winkt uns wieder zu,
Und selig lecken wir
Des gnädigen Fußes Schuh.

Über den Autor

Sándor Petőfi (1823, Kiskőrös – 1849, bei Segesvár)

Der ungarischer Dichter Sándor Petöfi gilt als Held des antihabsburgischen Freiheitskampfs der Ungarn von 1848, an dem er aktiv teilnahm. 1844 erschien seine erste, 1846 die zweite Gedichtsammlung. Während des Pester Aufstandes im März 1848 spielte Petöfi eine Schlüsselrolle, seine Kandidatur für den Reichstag scheiterte jedoch. Er war Sprecher der revolutionären Demokraten und lehnte den ungarischen Kompromiss mit Habsburg ab. Am 15. Oktober 1848 wurde er Hauptmann in Debrecen. Am 31. Juli 1849 erreicht er die mit den Russen im Kampf stehenden ungarischen Truppen. Kurz darauf verschwand er auf dem Schlachtfeld von Segesvár (Siebenbürgen), seine Leiche wurde nie gefunden.

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Humane Zeit
von Robert Seidel (1895)

Humane Zeit, humane Sitten –
Gesetze schützen selbst das Vieh;
Ein jeder Hund ist wohlgelitten,
Ein ganzer Mensch dagegen nie.

Humaner Staat, humane Bürger –
Erlaubt sind höchstens sechs Prozent;
Doch edler Herr ist jeder Würger,
Der an der Börse raubt und brennt.

Humaner Sinn, humanes Streben –
Die Wissenschaft häuft Sieg auf Sieg;
Sie hält die Kranken lang am Leben
Und schlägt gesunde tot im Krieg.

Humane Herren, humane Damen –
Sie tanzen für der Armen Not
Und ernten von der Arbeit Samen
Der Millionäre saures Brot.

Humanes Denken, Reden, Schreiben –
Du eitler Firnis einer Welt,
Wo höchste Kunst ist: Kurse treiben,
Und höchste Tugend: Geld, viel Geld.

Über den Autor

Robert Seidel (1850, Kirchberg/Sachsen – 1933, Zürich)

Seidel aus Kirchberg (Sachsen) war Journalist und Redakteur in der sozialistischen Presse. 1869 nahm er an der Gründung der SPD in Eisenach (Thüringen) teil. 1870 emigrierte er in der Schweiz, wo er als Pädagoge und Politiker für die Sozialdemokratischen Partei tätig war. Zur Jahrhundertwende veröffentlichte er mehrere Gedichtbände. 1933 verstarb Seidel in Zürich.

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Der Hetzer
von Boleslav Strzelewicz (ca. 1922)

Hetzen will ich stets im Lande,
Gegen Unrecht, Schimpf und Schande,
Gegen Gauner, Schlemmer, Schwindler,
Profitschinder, Kriegsgewinnler,
Gegen Lumpen, Spitzel, Schächer,
Gegen die Justizverbrecher,
Die das Menschenrecht verletzen,
Will ich hetzen, hetzen, hetzen!

Bis zum letzten Atemzuge
Will ich hetzen und dem Truge
Des Systems des Geldsacks grollen,
Bis der heutgen Ordnung Tollen
Ist zerschlagen und zuschanden.
Bis die Freiheit ist erstanden,
Bis Gott Mammon liegt in Fetzen,
So lang will ich hetzen, hetzen, hetzen!

Über den Autor:

Boleslav Strzelewicz (1857, Wierschnicin – 1938, Dresden)

Boleslav Strzelewicz war ein sozialistischer Arbeiterkünstler. Zur Jahrhundertwende reiste er als Agitator für die Sozialdemokratische Partei durch ganz Deutschland. 1920 trat er der Kommunistischen Partei bei und gründete 1924 die Theatergruppe “Rote Truppe”, die in den 1920er-Jahren im sächsischen Raum äußerst erfolgreich war. 1933 zog Strzelewicz nach Dresden, wo er 1938 verstarb.