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Jiri Wolker - Die schwere Stunde

Photographien
von Jiří Wolker

Information


Der vorliegende Text erschien 1924 im Gedichtband Die schwere Stunde von Jiří Wolker. Der Beitrag wurde von Lizi Schük vom Tschechischen ins Deutsche übersetzt.

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Über Jiří Wolker

Beim Buchhändler in der Auslage
Zwischen Büchern und Bildern
Hängen Photographien.
Das Buch ist bloß Papier, selbst wenn es Schönheit birgt,
Ein Bild ist Leinwand nur, selbst wenn es Leben bringt.
Aber jede dieser Photographien
Furchtbares, wirkliches Leben ist sie:
Hunger, furchtbarer Hunger.

Friedhöfe aus Eis und Kälte gebaut,
Kinderleichen mit hungergeblähtem Bauch,
Verzerrte Lippen, Hungergebärden:
Alle Verhungerten und die verhungern werden.
Die traurigsten wohl, man nennt sie Menschenfresser.
Verzweifelte Kreuze nennt man sie besser,
Lebendige Gruft im eigenen Magen;
Die Brüder und Schwestern bestattet haben.

Hängen denn Bilder nur im Auslagkasten?
Nein, tausend Hände sind’s,
Die durch Europa her in unsere Straßen tasten,
In unsere satten Straßen,
Damit unter den Fingern verzerrt durch Qual
Sich dehnt und reckt das Blutkapital.

Genossen, die ihr die Bilder seht,
wenn ihr zur Arbeit vorübergeht,
Genossen, wenn wirklich euer Herz
Erstirbt beim Anblick von so viel Schmerz,
Graviert doch die Bilder der großen Not
In die Teller der Nachtlokale, der Restauration,
Klebt sie in Speisekarten,
Auf Champagnerflaschen.
Damit jedem, der heut schmaust, sich betrinkt,
Von Teller und Glas die Aufschrift entgegengrinst:
Menschenfresser, Menschenfresser!