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Photographien
von Jiri Wolker (ca. 1922)

Beim Buchhändler in der Auslage
Zwischen Büchern und Bildern
Hängen Photographien.
Das Buch ist bloß Papier, selbst wenn es Schönheit birgt,
Ein Bild ist Leinwand nur, selbst wenn es Leben bringt.
Aber jede dieser Photographien
Furchtbares, wirkliches Leben ist sie:
Hunger, furchtbarer Hunger.

Friedhöfe aus Eis und Kälte gebaut,
Kinderleichen mit hungergeblähtem Bauch,
Verzerrte Lippen, Hungergebärden:
Alle Verhungerten und die verhungern werden.
Die traurigsten wohl, man nennt sie Menschenfresser.
Verzweifelte Kreuze nennt man sie besser,
Lebendige Gruft im eigenen Magen;
[Die] Brüder und Schwestern bestattet haben.

Hängen denn Bilder nur im Auslagkasten?
Nein, tausend Hände sind’s,
Die durch Europa her in unsere Straßen tasten,
In unsere satten Straßen,
Damit unter den Fingern verzerrt durch Qual
Sich dehnt und reckt das Blutkapital.

Genossen, die ihr die Bilder seht,
wenn ihr zur Arbeit vorübergeht,
Genossen, wenn wirklich euer Herz
Erstirbt beim Anblick von so viel Schmerz,
Graviert doch die Bilder der großen Not
In die Teller der Nachtlokale, der Restauration,
Klebt sie in Speisekarten,
Auf Champagnerflaschen.
Damit jedem, der heut schmaust, sich betrinkt,
Von Teller und Glas die Aufschrift entgegengrinst:
Menschenfresser, Menschenfresser!

Über den Autor

Jiri Wolker (1900, Prostějov – 1924, ebd.)

Die proletarische Dichtung Wolkers schöpft tief aus dem Leben des arbeitenden Volkes und ist stark von kommunistischen Ideen beeinflusst. 1900 in Mähren geboren und in wohlhabenden Verhältnissen aufgewachsen, beschäftigt sich Wolker schon ab 1917 mit literarischen Typen und Formen. Ab 1919 studiert er in Prag, 1921 tritt er aus der katholischen Kirche aus und wird Mitglied bei der Kommunistischen Partei. 1922/23 wird er Mitglied der avantgardistischen Künstlergruppe “Devetsil”. Sein zentrales Werk, der Gedichtband “Die schwere Stunde”, erscheint 1924 in deutscher Übersetzung im Agis-Verlag Wien. Im Alter von 23 Jahren erkrankt Wolker an Tuberkulose, der er im Januar 1924 erliegt. Bald nach seinem Tod avanciert er zu einer Kultfigur, in der Tschechoslowakei wird sein Werk als Verkörperung der Werte sozialistischer Poesie interpretiert.