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Proletarier-Pfingsten
von Karl Kaiser (1894)

Ob wir länderweit geschieden,
Fremde Dialekte sprechen:
Gleich ist unser Hoffnungsbrüten,
Dass die Ketten endlich brechen!
Ob auch lautverschieden schallen
Unsre Worte, unsre Lieder;
Wo sich schwiel’ge Fäuste ballen,
Wissen alle Arbeitsbrüder,
Wissen alle Arbeitsbienen,
Die da hungern, die da keuchen,
Wem es gilt. Und auf den Mienen
Flammt der Satz: Es sind die Reichen!
Überall die Augen sprühen,
Funken jedem Hirn entstieben:
“Will kein Herrgott sich bemühen –
Schützen wir uns selbst vor Dieben!”
Überall die Lippen beben,
Wo die Marseillais’, das barsche
Freiheitslied, mit stolzem Schweben
Zieht einher im Sturmschrittmarsche. –
Ob die Sprachen auch verschieden,
Oh! Wir haben Zeichendeuter!
Ob Franzosen, Deutsche, Briten –
Alle sind wir Hungerleider!
Alle, ob wir mit dem Magen
Oder mit dem Kopfe darben,
Gleiche Sorgen, gleiche Klagen,
Internationale Farben! –
Ohne Wunder volapüken
Wir die Armen und Geringsten;
Ohne Wunder überbrücken
Jede Sprache unsre Pfingsten!

Über den Autor

Karl Kaiser (1868, Straßburg – 19??, ????)

Karl Kaiser war ein deutscher Arbeiterdichter. Im Alter von 20 Jahren schloss er sich in München der ArbeiterInnenbewegung an und wurde Mitarbeiter der Satirezeitschrift “Süddeutscher Postillon”, in der er zahlreiche Gedichte veröffentlichte. Die letzten Gedichte Karl Kaisers erschienen 1901. Zeitpunkt und Ort seines Todes sind unbekannt.