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Proletarierkinder
von Alfons Petzold (ca. 1910)

Dreißig lichthungrige Fenster, eng aneinandergereiht –
Aus jedem mit hungriger Stimme nach Freude die Armut schreit.
An jedem zweiten und dritten Fenster ein blasses Kindergesicht.
Und jedes hat in den Augen eine klagende Stimme, die spricht:
“Wir sollen die hoffnungsvollen Blüten der Menschheit sein
Wir sollen schließen die Kraft und die Schönheit der Zukunft ein.
Doch unsere Väter hungern am Werktisch und an der Bank,
Die Brüste unserer Mütter sind schlaff und krank.
Luft suchen unsere Lungen, die Hände frisches Brot,
Was wir als Erbe bekommen ist Siechtum und früher Tod
Und hinter unserer Gasse ist die Welt so reich und weit…”
Dreißig lichthungrige Fenster, eng aneinandergereiht,
Aus jedem mit grausiger Stimme die Schande der Großstadt schreit.

Über den Autor:

Alfons Petzold (1882, Wien – 1923, Kitzbühel)

Alfons Petzold war ein sozialdemokratischer Schriftsteller aus Österreich. 1882 in Wien geboren, musste er nach dem frühen Tod seiner Eltern bereits im Alter von zwölf Jahren selbst seinen Unterhalt verdienen. Aufgrund seiner schwachen körperlichen Verfasstheit scheiterte er jedoch in all seinen Versuchen, einen Beruf zu erlernen und musste sich mit Gelegenheitsarbeiten über Wasser halten. Zeitweise war er obdach- und mittellos. Bereits als Jugendlicher schloss er sich den Sozialdemokraten an. Im 1905 eröffneten Volksheim Ottakring besuchte er Vorlesungen und hielt selbst Vorträge. 1910 veröffentlichte Petzold seinen ersten Gedichtband “Trotz alledem!” Am Ersten Weltkrieg nahm Petzold wegen seines Gesundheitszustandes nicht teil, allerdings publizierte er zu Kriegsbeginn Gedichte voller Kriegseuphorie und nationaler Töne (wofür er von weiten Teilen der ArbeiterInnenschaft kritisiert wurde). 1917 übersiedelte Petzold nach Kitzbühel, wo er ab 1918 sozialdemokratischer Gemeinderat war. Am 26. Jänner 1923 verstarb er in Kitzbühel.