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Ruhe und Ordnung
von Theobald Tiger (ca. 1925)

Wenn Millionen arbeiten, ohne zu leben,
Wenn Mütter den Kindern bloß Milchwasser geben –
Das ist Ordnung!

Wenn Werkleute rufen: “Lasst uns ans Licht!
Wer meine Arbeit stiehlt, muss vors Gericht!”
Das ist Ordnung!

Wenn Tuberkulöse zur Drehbank rennen,
Wenn Dreizehn in einer Stube pennen –
Das ist Ordnung!

Aber wenn Einer ausbricht mit Gebrüll,
Weil er sein Alter sichern will –
Das ist Unordnung!

Wenn Erben von Renten im Schweizer Schnee
Jubeln, und sommers am Comer-See –
Dann herrscht Ruhe!

Wenn Gefahr besteht, dass sich die Dinge wandeln,
Verboten wird, mit dem Boden zu handeln –
Dann herrscht Unordnung!

Die Hauptsache ist: Nicht auf Hungernde zu hören.
Die Hauptsache ist: Nicht das Straßenbild stören.

Nur nicht schrein.
Mit der Zeit wird das schon.
Alles bringt Euch die Evolution.
So hats Euer Volksvertreter entdeckt.
Seid Ihr bis dahin alle verreckt?
So wird man auf Euren Gräbern doch lesen:
“Sie sind immer ruhig und ordentlich gewesen!”

Über den Autor

Theobald Tiger (1890, Berlin – 1935, Göteborg)

Theobald Tiger war ein Pseudonym des deutschen Journalisten und Schriftstellers Kurt Tucholsky. Tucholsky zählt zu den bedeutendsten Publizisten der Weimarer Republik. Als politisch engagierter Journalist und zeitweiliger Mitherausgeber der Wochenzeitschrift “Die Weltbühne” erwies sich Tucholsky auch als einer der profiliertesten Gesellschaftskritiker im deutschsprachigen Raum. Er verstand sich selbst als Demokrat, Sozialist, Pazifist und Antimilitarist.