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Schmach der Zeit
von Unbekannt (ca. 1924)

Durch die Straßen eilen im Lumpenkleid
Wie ein Bettler,
Von Arbeitsplatz zu Arbeitsplatz
Und immer doch vergebens!

Mit hungrigem Magen und leeren Taschen
An Fenstern vorbeigehn, die gefüllt mit Leckerbissen,
Die Kennergaumen neuen Reiz vermitteln, und wissen:
Zu Hause rufen die Kinder nach Brot!
Kriegskrüppel sein –

Am Straßenrand demütig im Drecke liegen
Als lebend Denkmal der Schmach unserer Zeit
Und auf ein Almosen warten!
Indes auf den Exerzierplätzen
Neue Opfer man dem Moloch drillt…

Gearbeitet haben ein Leben lang
In den Fabriken,
Um dann zuletzt, wenn alt und grau man wird,
Am Pflaster seine Ruh’ zu finden
Wie überflüssig Hausgeräte,
Wie alter Kram, der nichts mehr nütze,
Und nur die Wahl noch haben:
Betteln oder sterben! –
Indes geputzte, faule Drohnenbrut
Geschäftig eilt von Fest zu Feste…

Priester sein im Seidengewand
Und Messen leiern neben Psalmen,
Mit Weihrauch und Musik den “Schöpfer” feiern –
Indes “sein Werk”, “sein Ebenbild”, der Mensch,
Durchs Leben hetzt wie flüchtig Tier,
Bis irgendwo er umfällt und – krepiert.
Das alles hunderttausendfach:
Schmach der Zeit!