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Unversöhnlich
von Erich Mühsam (1920)

Erwach und wisse: Revolution!
Denk an den Tag der Erhebung.
Da findest du deiner Sehnsucht Lohn
und deiner Sünden Vergebung.

Bevor du den ersten Imbiss nimmst,
vergiss nicht den Schwur zu erneuern:
So lang du es nicht auf Empörung stimmst,
soll dich dein Tagewerk nicht freuen.

Die Arbeit segne mit deinem Zorn,
die Mahlzeit mit deinem Hassen.
Den Kuss des Weibes empfange als Sporn,
die Stunde nicht zu verpassen.

In deiner Kinder Unschuldsblick lies
die drohende Prophezeiung:
Du bist verstoßen vom Paradies,
erkämpfst du nicht uns die Befreiung!

Dem Nächsten sage nicht: Gott zum Gruß!
Doch frage ihn: Bist du entschlossen?
Verwehr deine Schwelle des Feindes Fuß,
die Hand gib nur dem Genossen.

Reveille sei deiner Stimme Ton,
und Aufruhr sei deine Rede.
Als Diener lebe der Revolution,
nicht rastend in Kampf und Fehde.

Und was du tust, nie tu dir genug
im Hassen, im Streiten, im Werben.
Sei Kämpfer mit jedem Atemzug –
bereit zum Leben und Sterben!

Über den Autor:

Erich Mühsam (1878, Berlin – 1934, KZ Oranienburg)

Erich Mühsam war ein anarchistischer deutscher Schriftsteller und Aktivist. 1919 war Mühsam an der Ausrufung der Münchner Räterepublik beteiligt, wofür er zu 15 Jahren Festungshaft verurteilt wurde, aus der er nach fünf Jahren im Rahmen einer Amnestie freikam. In der Weimarer Republik war er in der Roten Hilfe aktiv. 1933 wurde Erich Mühsam von den Nazis verhaftet und in das KZ Oranienburg deportiert. Dort wurde er am 10. Juli 1934 von SS-Soldaten ermordet.

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