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Verrücktes Lied
von Richard Zach (ca. 1943)

Was kümmert mich, was kümmert mich,
ob sie mich morgen hängen!
Noch lebe ich und hoffe ich,
die Ketten doch zu sprengen!
Vielleicht wird heute in der Nacht
der Henker plötzlich umgebracht!
Vielleicht beschließt der hohe Rat,
es wäre um mein Köpfchen schad!
(Gewiss, das ist’s ja in der Tat!)
Ich will ihn nicht, ich will ihn nicht
zu einem Urteil drängen.

In einem Tag, in einem Tag,
kann mancherlei geschehen!
Mit einem Schlag und ohne Frag’
der ganze Spuk verwehen.
Was soll nicht schon gewesen sein?
Vielleicht stürzt eine Mauer ein!
Vielleicht auch rettet mich davon
die langersehnte Rebellion!
(Es wäre ziemlich dringend schon.)
Das wollte ich, das wollte ich
am wenigsten verschmähen!

Ihr meint bedrückt, ich sei verrückt,
so schnell kann sich nichts wenden,
Nun denn – missglückt! Nun denn – missglückt.
Dann muss ich eben enden!

Heut aber pfeif’ ich doch mein Lied!
Vielleicht… wer weiß, was noch geschieht?
Erst wenn der Strick den Atem nimmt,
die schöne Welt vor mir verschwimmt,
find ich mich ab – und dann bestimmt.
Und winke euch, und winke euch
noch einmal mit den Händen.

Über den Autor

Richard Zach (1919, Graz – 1943, Berlin-Brandenburg)

Richard Zach war ein antifaschistischer Widerstandskämpfer und Dichter aus Österreich. Er absolvierte in Graz die Bundeslehrerbildungsanstalt. Die Februarkämpfe von 1934 politisierten Zach, er wurde Mitglied einer kommunistischen Jugendgruppe. Nach 1938 setzte er seine politische Aktivität fort und brachte u.a. die Zeitung “Der rote Stoßtrupp” heraus. Im Oktober 1941 wurde Richard Zach verhaftet. Das Gedicht “Verrücktes Lied” schrieb er zur Jahreswende 1942/43 in Haft. 1942 wurde er von einem Militärgericht in Berlin wegen “Wehrkraftzersetzung” zum Tode verurteilt und am 27. Jänner 1943 hingerichtet.

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