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Warum ich dennoch mich erhob
von Richard Zach (1942)

Ich lebte gut in meiner Welt,
entbehrte weder Brot noch Geld,
war nicht verrückt vor Liebesschmerz,
trug keinen stillen Gram im Herz,
vergrub mich kaum in Wahngedanken,
litt auch an keiner Sucht zu zanken,
erträumte nie ein Herrschertum
in Eitelkeit und lautem Ruhm,
empfing für meine Arbeit Lob; –
warum ich dennoch mich erhob?

Weil ich auf allen Lorbeer pfeife,
wenn Sklaven sich in Qualen winden!
Weil ich es einfach nicht begreife,
dass jene sich zu Tode schinden,
nur um den reichen Tagedieben,
reich durch den Schweiß von tausend Armen,
zur Fron getrieben ohn’ Erbarmen,
noch mehr Genüsse zuzuschieben!
Weil mich ein jedes Lied erwürgt,
wenn es nur solche Töne singt,
von denen die Zensur verbürgt,
dass keiner hell nach Wahrheit klingt.

Weil mir ein jeder Bissen Brot
in meiner Kehle stecken bleibt,
wenn überall die Willkür droht
und schamlos die Gesetze schreibt.
Denn eher leb’ ich ohne Brot
als ohne Recht auf freies Wort!
Und lieber schinde ich mich tot
als Trug zu fressen fort und fort!
Ich möchte Mensch sein unter gleichen,
dem niemand seine Rechte strich,
in Hirn und Herz das Freiheitszeichen!
Darum, darum erhob ich mich!

Über den Autor

Richard Zach (1919, Graz – 1943, Berlin-Brandenburg)

Richard Zach war ein antifaschistischer Widerstandskämpfer und Dichter aus Österreich. Er absolvierte in Graz die Bundeslehrerbildungsanstalt. Die Februarkämpfe von 1934 politisierten Zach, er wurde Mitglied einer kommunistischen Jugendgruppe. Nach 1938 setzte er seine politische Aktivität fort und brachte u.a. die Zeitung “Der rote Stoßtrupp” heraus. Im Oktober 1941 wurde Richard Zach verhaftet. Das Gedicht “Warum ich dennoch mich erhob” schrieb er 1942 in Haft. Im selben Jahr wurde er von einem Militärgericht in Berlin wegen “Wehrkraftzersetzung” zum Tode verurteilt und am 27. Jänner 1943 hingerichtet.