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Warum ich kein Kommunist…
von Hermann Paul (1922)

Warum ich kein Kommunist sein kann

Erstens bin ich anständig erzogen,
Zweitens bin ich nicht wohnungslos,
Drittens ist mir mein Chef gewogen
Und die Not bei mir noch nicht so groß.

Viertens müßt’ ich meine Frau erst fragen,
Fünftens, was würden die Bekannten sagen!
Sechstens das Malheur, wenn der Chef es erführe,
Dass ich die “Rote Fahne” abonniere!

Ich habe faktisch – Kollegen, mein Wort! –
Keine Zeit in eine Versammlung zu geh’n!

Siebentens wird mir das Zahlen sauer,
Und dann: auch mich kommt’s doch doch nicht an!
Ich halte es entschieden für schlauer,
Man wartet, bis die andern etwas getan.

Achtens, nur so im Allgemeinen:
Ich bin mit mir selber noch nicht im Reinen,
Soll ich oder soll nicht?
Hier Ruhe – dort die Bruderpflicht.

Ich winde mich, glaubt mir’s, oft wie ein Wurm,
Mit schwant, es komt sicher einmal der Sturm,
Doch momentan, Kollegen – ich sage es ehrlich –
Halt ich die Sache für äußerst gefährlich!

Drum neuntens: Ich werde erst Kommunist,
Wenn euer Kampf siegreich beendet ist!

Über den Autor

Hermann Paul (1887, Karbitz, Nordböhmen – 19??, ????)

Hermann Paul wurde 1887 als Maurerskind in der nordböhmischen Kleinstadt Karbitz bei Aussig geboren. Seine Mutter verstarb, als er drei Monate alt war; von seinem Vater wurde er oft geschlagen. Nach der Schulpflicht lief Hermann Paul von zuhause weg, wanderte durch Deutschland und schließlich über Holland nach Belgien, wo er sich mit Gelegenheitsarbeiten über Wasser hielt. 1915 wurde er in den Krieg eingezogen, aber als Kriegsdienstverweigerer verhaftet und kurzzeitig in die Festung Theresienstadt gesperrt. Schon während des Krieges begann Paul erste Gedichte zu schreiben. 1916 nach Russland eingezogen, kehrte er schon nach kurzer Zeit krank und als “politisch verdächtig” eingestuft zurück nach Nordböhmen. Hier organisierte er nach dem Ersten Weltkrieg den Aufbau eines Soldatenrates und begann als Ölsiedereiarbeiter zu arbeiten. Nach dem Ersten Weltkrieg schrieb er unter dem Pseudonym “Catalina” Berichte und Lyrik für die kommunistische Presse, sein Gedichtband “Roter Morgen” erschien 1922 in Chemnitz.

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