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Warum ist das Meer so rot?
Russische Volksweise

Warum, warum ist das Meer so rot?
– Hör zu, ich will’s dir sagen:
Die Sonne, die alte Sonne, ist tot,
ist ins tiefe Meer gesunken,
all ihr Blut hat das Meer getrunken,
davon ist es so rot. –
“Das glaub’ ich nicht.”

Warum, warum ist der Strom so rot?
– Hör zu, ich will’s dir sagen:
Es kam ein Schiff mit fränkischem Wein,
das führte zu Hafen wohl tausend Tonnen,
auf einer Sandbank, da brach es ein,
der Wein ist all in den Strom geronnen,
davon ist er so rot. –
“Das glaub’ ich nicht.”

Warum, warum ist der Schnee so rot?
– Hör zu, ich will’s dir sagen:
Sie schlugen Väter und Brüder tot,
Sie schlachteten Kinder und Frauen,
Von Menschenblut ist der Schnee so rot,
der Schnee muss all in die Bäche tauen,
davon ist der Strom und das Meer so rot. –
“Das glaub’ ich wohl.”

Über den Text:

Diese Verse entstammen einer russischen Volksweise, nachgedichtet vom deutschen Arbeiterschriftsteller Karl Henckell (1864 – 1929) und erschienen 1910 im Gedichtband “Weltlyrik. Ein Lebenskreis in Nachdichtungen.”