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Warum sind wir arm?
von Karl Beck (ca. 1846)

Ihr sitzet, im Glanz und in Ehren geboren,
Und spielt mit Dukaten und Louisdoren;
Wir scheuern die Wappen an euren Toren
In Hunger und Harm,
In Hunger und Harm.

Wir werben um Ketten und nennen’s Erwerben
Ha, trinket und schlaget die Gläser in Scherben!
Ha, lasst uns steren und lasst uns verderben –
Denn – warum sind wir arm?
Denn – warum sind wir arm?

Ihr Seligen könnt euch pflegen und mästen.
Wir spähen für euch nach Kohlen und Ästen,
Wir frieren und hacken vor euren Palästen,
Doch euch ist wohl und warm,
Doch euch ist wohl und warm.

Ihr habet Orden und Ämter und Pfründen.
Wir leben, um euer Lob zu verkünden,
Wir schmeicheln euern Launen und Sünden,
Denn warum sind wir arm?
Denn warum sind wir arm?

Wenn unsere Töchter ums Glück sich raufen,
Euch in die lüsternen Arme zu laufen,
Wenn die Mütter die eig’ne Brut verkaufen,
Dass Gott, dass Gott erbarm’ –
Dass Gott, dass Gott erbarm’:

Dann fürchtet nimmer der Väter Rache.
Verloren und faul ist unsere Sache!
Schlagt auf die weithin schallende Lache!
Denn – warum sind wir arm?
Denn warum sind wir arm?

Wir sind’s! Dafür ein Fluch den Alten,
Die uns gelehrt die Hände falten:
Wer nur den lieben Gott lässt walten,
Der ist erlöst vom Harm,
Der ist erlöst vom Harm.

Wir borgen und sorgen, ihr häufet die Gulden;
Wir füllen die Kirchen und beten und dulden.
Dies Dulden ist unser unendlich Verschulden,
Und – darum sind wir arm,
Und – darum sind wir arm!