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Wie lange noch?
von Oskar Kanehl (1928)

Wie lange, meint ihr, werden wir noch zusehn,
Wie ihr allein des Lebens Füllhorn trinkt?
Tagsüber faulenzt, sauft und fresst
Und abends lustgesättigt in die Seidenkissen sinkt?
Wie lange noch?

Wie lange, denkt ihr, werden wir noch schweigen,
Weil Hungerlohn uns stumpf und müde macht?
Habt ihr Schmarotzer nicht inzwischen
Die Ernte unsrer Saat in Kassenschränke eingebracht?
Wie lange noch?

Wie lange, glaubt ihr, werden wir noch dulden,
Dass unsre Besten hinter Kerkermauern
Des Klassenrechts geknebelt sind?
Wie lange soll uns eure Mördermeute noch umlauern?
Wie lange noch?

Wie lange, hofft ihr, werden wir noch warten,
Dass unsre Faust euch an den Schädel fährt?
Dumpf droht der Hass. Die Ketten bluten.
Längst hat den Ruf zum Weltgericht der letzte Mann gehört,
Wie lange noch?

Über den Text:

Dieses Gedicht erschien 1928 in Kanehls Gedichtband “Straße frei!” Kurz nach Erscheinen des Gedichtbandes geriet Oskar Kanehl ins Fadenkreuz der deutschen Justiz. Wegen “Aufreizung zum Klassenhaß” und “Vorbereitung zum Hochverrat” wurde Ende 1928 ein Verfahren gegen den Autor eingeleitet. Nachdem Kanehl im Mai 1929 Suizid beging, wurde das Gedicht in der Zeitschrift “Die Aktion”, bei der Kanehl jahrelang mitgearbeitet hatte, abgedruckt.

Über den Autor:

Oskar Kanehl (1888, Berlin – 1929, Berlin)

Studierte Philosophie und Deutsch in Berlin, 1913/14 Herausgabe der Zeitschrift “Wiecker Bote”. Mit Beginn des Ersten Weltkrieges Publikation von Antikriegsliteratur u.a. in der Zeitschrift “Die Aktion”, nach 1918 Tätigkeit für kommunistische Parteien und Organisationen. Herausgabe von mehreren Gedichtbänden in der Weimarer Republik. 1929 wählte er den Freitod in Berlin.

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