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Wir haben keine Heimat
von Hermann Paul (1922)

Wir haben keine Heimat,
Die uns etwas bedeutet,
Wir Knechte haben nur einen Staat,
Der unsern Schweiß erbeutet.

Wir haben keine Heimat
Als auf dem Friedhofsgarten,
Wenn wir auf die Erlöserhand
Und auf ein Wunder warten.

Wir haben keine Heimat,
Solange wir vertrauen
Und nicht aus unsrer eignen Kraft
Uns eine Heimat bauen.

Wir haben keine Heimat,
Solang wir nicht zerschlagen
Die Kette, die wir Tag um Tag
In stumpfer Ohnmacht tragen.

Wir haben keine Heimat,
Solang wir nicht erwachen
Und aller Not und Tyrannei
Vereint ein Ende machen!

Über den Autor

Hermann Paul (1887, Karbitz, Nordböhmen – 19??, ????)

Hermann Paul wurde 1887 als Maurerskind in der nordböhmischen Kleinstadt Karbitz bei Aussig geboren. Seine Mutter verstarb, als er drei Monate alt war; von seinem Vater wurde er oft geschlagen. Nach der Schulpflicht lief Hermann Paul von zuhause weg, wanderte durch Deutschland und schließlich über Holland nach Belgien, wo er sich mit Gelegenheitsarbeiten über Wasser hielt. 1915 wurde er in den Krieg eingezogen, aber als Kriegsdienstverweigerer verhaftet und kurzzeitig in die Festung Theresienstadt gesperrt. Schon während des Krieges begann Paul erste Gedichte zu schreiben. 1916 nach Russland eingezogen, kehrte er schon nach kurzer Zeit krank und als “politisch verdächtig” eingestuft zurück nach Nordböhmen. Hier organisierte er nach dem Ersten Weltkrieg den Aufbau eines Soldatenrates und begann als Ölsiedereiarbeiter zu arbeiten. Nach dem Ersten Weltkrieg schrieb er unter dem Pseudonym “Catalina” Berichte und Lyrik für die kommunistische Presse, sein Gedichtband “Roter Morgen” erschien 1922 in Chemnitz.

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