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Wir wachsen aus Eisen
von Alexej Gastew (1918)

Seht, hier stehe ich!
Unter Drehbänken, Dampfhämmern, Schmelzöfen und Essen und unter Hunderten von Genossen.
Über mir wölbt sich der eisengenietete Raum.
Träger und Balken streben empor.
Sie erheben sich, schießen auf,
beugen sich von rechts und links,
vereinigen sich,
streben zu Kuppeln zusammen,
tragen auf ihren Schultern den ganzen Eisenbau.
Stark sind sie, zielstrebig, ungehemmt.
Wir fordern eine noch größere Kraft.
Ich sehe sie an und richte mich auf.
Neues Eisenblut ergießt sich in meine Adern, ich wachse.
Auch mir wachsen stählerne Schultern und unermesslich starke Arme.
Ich verschmelze mit dem Eisen des Baues.
Jetzt berühren meine Schultern die Dachsparren, das Dach.
Noch stehe meine Füße auf der Erde,
aber der Kopf wächst schon aus dem Gebäude heraus.
Die unmenschliche Anstrengung raubt mir den Atem, aber jetzt schreie ich:
“Ich bitte ums Wort, Genossen, ums Wort!”
Eiserner Widerhall deckt meine Worte,
der ganze Bau erzittert in Ungeduld.
Noch höher erhebe ich mich, –
jetzt habe ich die Schornsteine erreicht,
und keine langen Worte sind es, keine Rede ist es,
sondern nur das eine, mein eisernes, das erklingt:
“Unser ist der Sieg!”

Über den Autor

Alexej Gastew (1882, Susdal – 1939, Moskau)

Alexej Gastew war ein russischer Gewerkschaftsaktivist, Dichter und einer der führenden Persönlichkeiten des “Proletkult”. Er nahm an der Russischen Revolution von 1905 teil. 1920 gründete er das Zentralinstitut für Arbeit in Moskau, um zu einer Rationalisierung der Arbeit und zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen beizutragen. 1931 trat Gastew der Kommunistischen Partei der Sowjetunion bei. Im September 1938 wurde er wegen “konterrevolutionärer terroristischer Aktivitäten” verhaftet und im April 1939 erschossen.

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