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Wir
von Wladimir Kirillow (1918)

Wir sind die unzähligen, gewaltigen Legionen der Arbeit.
Wir bezwingen die Weiten der Seen, Ozeane und Kontinente.
Wir erleuchten die Städte mit künstlichen Sonnen.
In unseren Seelen loht das Feuer des Aufstands.

Uns leitet ein rebellischer, lebhafter Rausch;
Sollen sie rufen: “Ihr seid der Schönheit Henker”,
Für unser Morgen verbrennen wir Raphael,
Zerstören Museen, zertrampeln die Blüten der Kunst.

Wir werfen die Last des drückenden Erbes ab,
Verwerfen die Chimären blutleerer Weisheit.
Die Mädchen im lichten Reich der Zukunft
Werden schöner sein als die Venus von Milo.

Die Tränen sind versiegt, die Zärtlichkeiten verloren,
vergessen der Duft von Kräutern und Frühlingsblumen.
Wir haben uns in die Macht von Dampf und Dynamit verliebt,
In Sirenengeheul, in den Takt von Kolben und Walzen.

Mit dem Metall verbrüdert, eins mit den Maschinen,
Verlernten wir zu träumen von Himmel und Seligkeit.
Wir wollen, dass alle satt werden auf Erden,
Dass kein Gejammer, kein Flehen um Brot erklingt.

Ihr Dichter-Ästheten, fluchet dem Großen Gesindel,
Küsst der Vergangenheit Trümmer unter unserer Füße,
Wascht mit Tränen die Ruinen des zertrümmerten Tempels.
Wir sind frei und kühn; wir atmen eine andere Schönheit!

Unsere Armmuskeln lechzen nach gigantischer Arbeit,
Quälender Drang zur Schöpfung presst unsere Brust,
Wir füllen die Waben mit herrlichem Honig,
Wir öffnen unserer Welt einen neuen, schillernden Weg.

Wir lieben das Leben, seine berauschende Freude,
Gestählt ist unser Geist im Kampf und im Leid.
Wir sind alles, in allem, wir sind Flamme, siegendes Licht,
Wir sind unser eigener Gott, Richter, unser eigenes Gesetz.

Übersetzt von: dj/proletkult

Über den Autor

Wladimir Kirillow (1890, Gouvernement Smolensk – 1937, Moskau)

Wladimir Kirillow war ein russisch-sowjetischer Dichter und Vertreter der “proletarischen Poesie”. Er wurde 1890 in eine Bauernfamilie im russischen Gouvernement Smolensk geboren. 1905 beteiligte er sich aktiv an der revolutionären Bewegung, wurde jedoch verhaftet und befand sich bis 1909 im Exil. Im Jahr 1913 veröffentlichte er seine ersten Gedichte in der Arbeiterpresse. 1914 wurde er in die Armee eingezogen und nahm am Ersten Weltkrieg teil. Ab 1917 war er in der bolschewistischen Parteiorganisation in Moskau und Petrograd tätig. 1918 wurde er in das Präsidium der kulturrevolutionären Bewegung “Proletkult” gewählt – in dieser Zeit verfasste er mit “Wir” eines seiner bekanntesten und radikalsten Gedichte. Wladimir Kirillow wurde im Zuge der stalinistischen Säuberungen im Jänner 1937 verhaftet und im Juli 1937 ermordet. 1957 wurde er posthum rehabilitiert.